
Kulturschock die 2te
Nach dem ersten Durchhänger habe ich mich immer wieder gefragt, ob und wann nochmal dieser Moment kommt, wo man den Unterschied der Kulturen extrem wahrnimmt. Als wir uns Anfang des Jahres auf eine 4-Tages Reise nach Mindoro aufgemacht haben, habe ich schon eine Vorahnung gehabt – und doch kam es ganz anders.
Am Donnerstag, den 2. Jänner ging es los. Nach zwei Stunden fahrt am Taal See vorbei warteten wir bald auf die Fähre, die uns nach Mindoro bringen sollte:

Zwar offen, aber eigentlich ganz modern, der Passagierbereich war relativ komfortabel:

Nach einer zweistündigen Überfahrt und weiteren drei Stunden Autofahrt waren wir schließlich am Ziel unserer Reise angekommen: dem Haus von Pastor. Wir wurden sehr gastfreundlich aufgenommen, durften im Zimmer einer Tochter übernachten und hatten eine sehr schöne Zeit:

Alles war relativ neu, auch wenn es in Europa vielleicht anders wäre – kein Grund zur Beunruhigung. Nur draußen war durch den vielen Regen alles ziemlich nass und die Straßen sahen dementsprechend aus:

Am Wochenende haben wir dann tagsüber ein Pfadfindercamp besucht am Samstagnachmittag bei einer Büchergeschenkaktion mitgemacht. Zum ersten Mal war ich bei wildfremden Menschen zu Besuch, durch die ich weder durch Nachbarschaft oder Arbeit einen Bezug hatte. Wir kamen zum ersten Haus:

Wir wurden freundlich begrüßt, es gab eine nette Unterhaltung und das Geschenk wurde überreicht. Ich hab mich gar nicht richtig getraut Fotos zu machen, nur eines von Innen habe ich gemacht:

Alle sehr eng und duster, kein fließend Wasser oder Abwasser. Es war irgendwie heftig Menschen kennenzulernen, die so wohnen müssen, da sie sich nicht mehr leisten können.
Dann kamen wir zum nächsten Haus, eine Familie mit zwei Kindern, eines noch ein Säugling. Neben dem Vordach gab es noch einen Raum:

Im Gespräch hat sich herausgestellt, das ihr früheres “Haus” leider zerstört wurde:

Der Mann ist Fischer und der Lebensunterhalt der Familie ist vom Erfolg beim Netze auswerfen abhängig. Im nächsten Haus hing im “Wohnzimmer” ein Plakat vom Geburtstag der 18-jährigen Tochter:

Das Format war sicher A0, farbig und neben guten Wünschen waren viele Handyfotos zu sehen. Für mich war krass, wie nah einfachster Lebensstil und ein Geburtstagsplakat, das im Verhältnis zum Rest des Hauses wirklich teuer gewesen sein muss, nebeneinander existieren können.
In der Nachbarschaft wurde ein 2-jähriger Junge in einem verrostetem Rollstuhl auf- und abgeschoben, dessen Familie wahrscheinlich einen Großteil ihres Geldes in seine minimale medizinische Versorgung gesteckt hatte. Die Kleidung der Eltern war so zerschlissen, dass sie teilweise den Körper mehr schlecht als recht bedeckte.
Gleichzeitig erlebte ich so eine herzliche Freundlichkeit und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit, wie ich sie wahrscheinlich in Europa selten erlebt habe. An keiner Türe wurden wir abgewiesen.
Nach noch einigen Besuchen machen wir uns auf den Rückweg und nach nur wenigen 100 Metern sehe ich diese Haus:

Fast unmittelbar daneben sieht es dagegen weniger luxoriös aus:

Und so wechseln sich Gebäude unterschiedlichster Bauart und Lebensdauer ab:
Am Wegrand entdecke ich einen improvisierten Basketballkorb:

Die Bilder und Eindrücke lass mich nicht mehr los, so krass sind die Gegensätze und Menschen, die ich kennengelernt habe. Warum? Ja, es gibt überall arme und fast obdachlose Menschen, aber das sind in Europa nicht mehr als 50% der Bevölkerung. Es geht hier nicht um “gescheiterte” Einzelpersonen, sondern um ganze Familien.
Mir wurde gesagt, dass es wichtig ist, mit anderen über solche Gedanken zu sprechen. Ich nutze die Chance, als wir uns am nächsten Tag wieder auf dem Heimweg machen, auf der Fähre den Einheimischen ein paar Fragen zu stellen:

- In welcher Umgebung bist du aufgewachsen?
- Was geht dir durch den Kopf, wenn du Menschen in solchen Lebensumständen kennenlernst?
- Wie würde es dir gehen, wenn du in einer dieser Familien aufwachsen würdest?
- Was passiert, wenn sich jemand keine medizinische Versorgung leisten kann?
Die verschiedenen Antworten verändern meine Denkweise:
- Es ist egal, wie das Zuhause aussieht, zuhause ist da wo die Familie ist
- Glücklich sein bedeutet nicht alles zu haben
- Freude, Gemeinschaft und Zufriedenheit ist das Wichtigste, egal wo man sich befindet
- Menschen, die ein schöneres Haus haben sind Vorbilder, sie treffen gute Entscheidungen
- Es ist nicht schlimm, wenn jemand krank ist und stirbt, das ist Teil des Lebens
- Natürlich will ich etwas besseres erreichen, aber nicht um jeden Preis – die Familie ist immer wichtiger
- Wieviel ist mir Luxus wert, wenn ich dafür meine Gewohnheiten verändern muss?
- Warum soll ich etwas ändern, wenn ich glücklich bin?
Mir fällt auf, wie sehr die Lebensweise von Gewohnheiten geprägt ist, die über Generationen weitergegeben werden. Das ist Kultur, die weder eine Regierung noch soziale Medien von heute auf morgen ändern können. Sich selbst von dem Gedanken zu lösen, dass es einen Weg gibt die Welt zu sehen, ist schwierig. Ich merke wie sehr auch ich von meiner Kultur geprägt bin, die mir erst bewusst wird, wenn ich mit Gegensätzen konfrontiert bin. Umso bereichernder ist es, ganz neue Sichten zu entdecken…
Comments
Sehr spannende Gedanken, die mich auch zum nachdenken anregen, danke! 🙂